Vitamin E bei BARF

von: Nadine Wolf | Lesedauer: 6 Minuten | veröffentlicht am: 02.07.21

Unsere BARF-Rechner empfehlen die Gabe von Vitamin E, wenn Öle gefüttert werden. Warum? Vitamin E ist ein Antioxidans, welches in der natürlichen Nahrung von wild lebenden Kaniden in eher geringen Mengen vorkommt. Warum soll es daher notwendig sein, Hunden zusätzlich Vitamin E geben? Dies hat etwas mit den Fettsäuren in der Nahrung zu tun. Wie im Text über die Fütterung von Ölen beschrieben unterteilt man Fettsäuren in gesättigte Fettsäuren (SFA), einfach ungesättigte Fettsäuren (MUFAS) und mehrfach ungesättigte Fettsäuren (PUFAS).

Auf die Doppelbindungen kommt es an

Was bedeutet gesättigt oder ungesättigt? Fettsäuren sind unterschiedlich lange Ketten von Kohlenstoffatomen mit einem Säurerest. Zwischen den Atomen dieser Ketten bestehen chemische Bindungen, nämlich Einfach- und Doppelbindungen. Bei Einfachbindungen befinden sich in der Kohlenstoffkette nur einfache Verbindungen, d. h. jedes Kohlenstoffatom (C) ist mit zwei oder drei Wasserstoffatomen (H) besetzt. Bei SFAs treten nur Einfachbindungen auf. Es sind also sämtliche Bindungen zwischen den Kohlenstoffatomen mit Wasserstoffatomen gesättigt, einfach gesagt, kann kein weiteres Atom „andocken“. Sie weisen damit eine geringe Reaktionsfreudigkeit auf und sind daher stabil.

Bei ungesättigten Fettsäuren hingegen, treten auch Doppelbindungen zwischen den Kohlenstoffatomen auf. Weil die Doppelbindungen nicht vollständig mit Wasserstoffatomen besetzt sind, spricht man von ungesättigten Fettsäuren, denn es können weitere Bindungspartner an der freien Bindung „andocken“. Sie sind daher sehr reaktionsfreudig, also instabil.

Je nachdem, wie viele solcher Doppelbindungen vorhanden sind, werden die ungesättigten Fettsäuren in MUFAs und PUFAs. MUFAs sind dabei stabiler als PUFAs, eben weil sie nur eine Doppelbindung haben.

Fette oxidieren

Das „Problem“ mit diesen Doppelbindungen ist, dass sie eben nicht stabil sind. Sie können unter bestimmten Bedingungen mit Reaktionspartnern wie Sauerstoffatomen reagieren und oxidieren dann – das Fett wird ranzig. Dieser Prozess nennt sich Lipidperoxidation. Er führt dazu, dass freie Radikale entstehen und die Zellen im Körper schädigen können. Dieser oxidative Stress begünstigt z. B. Alterungsprozesse, die Entstehung von Leber- und Nierenerkrankungen, Bauchspeicheldrüseninsuffizienz und Krebs.

Öle verfügen im Gegensatz zum Fett, welches im Fleisch vorkommt, über einen sehr hohen Anteil an PUFAs – enthalten also viele Fettsäuren, die ganz besonders zu einer Oxidation neigen. Füttert man also Öle, muss man diese auch mit Antioxidantien schützen, um die Bildung freier Radikale zu begrenzen. Der Wolf im Wald nimmt kein Öl auf, daher ist sein Bedarf an Antioxidantien geringer und der Teil, der in der Nahrung vorkommt, reicht für ihn aus. Antioxidantien kommen in der natürlichen Nahrung von Kaniden in Form von Vitamin C, Carotinoiden, Flavonoiden oder eben Vitamin E vor.

Da man bei BARF aber häufig Öle einsetzt, braucht es auch zusätzliche Antioxidantien, um oxidativen Stress zu reduzieren. Ein preiswertes und gut verfügbares Antioxidans ist Vitamin E in seiner natürlichen Form (kein synthetisch hergestelltes Vitamin E). Man kann dieses Vitamin E direkt dem Öl in der Flasche zugeben, das vereinfacht die Gabe und führt auch dazu, dass sich das Öl länger hält.

Einfach Vitamin E zufügen

Man fügt für gewöhnlich 10 IE pro ml Öl zu. In eine Öl-Flasche mit 250 ml Inhalt, müsste man also 2.500 IE Vitamin E geben. Dies kann man zum Beispiel erreichen, indem 3 Kapseln Vitamin E mit 1.000 IE in die Flasche gegeben werden: Einfach die Kapsel mit einer Nadel einstechen, das Vitamin E in die Flasche drücken und dann gut schütteln. Befindet sich bereits eine ausreichende Menge Vitamin E im Öl oder wurde dem Öl z. B. Astaxanthin zugesetzt, muss kein zusätzliches Vitamin E ergänzt werden. Synthetische Antioxidantien wie z. B. Butylhydroxytoluol (BHT), Butylhydroxyanisol (BHA) oder Ethoxyquin sollten nicht eingesetzt werden, da diese gesundheitsschädlich sein können.

Quelle: Hand, M. S. et al. (2010): Small Animal Clinical Nutrition